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Es ist mal wieder soweit. Es ist 4:30 Morgens, ich kann nicht schlafen und ständig habe ich das Gefühl, dass ich hyperventiliere. Mein Arbeitspensum hat mein Mögliches überstiegen, ich komme nicht mehr dazu, die Dinge zu delegieren, die ich delegieren soll. Und in mir spüre ich das Gefühl, dass ich mir am liebsten ein Loch suchen würde. Einfach abtauchen und diesen selbst eingebrockten Wahnsinn hinter mir lassen.
„busy“ und „hustle“ sind für mich, wie für viele andere, längst keine Motivationen mehr, sondern eher Schreckensgespenster, die mich dazu drängen, mir selbst mehr Arbeit aufzubürden, als ich ertragen kann. Sie gehören zum Orchester meines Egos. Und mein Ego ist nicht nur hinterlistig, sondern verdammt clever. Just im Moment, wo ich „Nein“ sagen möchte zur Arbeit, zieht er aus der letzten Kiste irgendeine wunderbare Überzeugung (oder eher Bullshit Rule) raus: „Ohne Fließ keinen Preis“, „Was willst du erreichen“, „Eins geht noch“… Und schon falle ich um und entscheide mich für das „wichtige Busy-Dasein“, bei dem mein Leben an mir vorüberzieht während ich mit anderen Dingen beschäftigt bin. 

Irgendwann vor ein paar Monaten hat mein Ego sich wohl gedacht, es sitzt in einer „g’mahten Wiesn“, wie man in Österreich so schön sagt. Es hat nicht aufgepasst und den Moment verpasst, „Busy und Hustle“ ihren Einsatz zu diktieren. Das Telefon hatte geläutet, mich hat jemand gefragt, ob ich ein Projekt übernehmen könnte und ich höre mich den Satz, „Ich kann leider erst eine Umsetzung im Oktober anbieten“,  (damals in 6 Monaten) sagen.
Als ich das sagte, schlug mein Ego gleich mal Alarm. Es hatte aber Pech, die Person am Telefon war begeistert von Oktober und so hatte es keine Chance mir einzuflüstern, dass ich doch schon eher eine Lücke finden könnte. Als ich auflegte, wurde es in mir und um mich herum sehr still. Mein Ego war im Schock – ich auch. Ich glaube, mein Atem hat kurz gestockt. Und bevor mein Ego mit der gesamten ,,Schlechten-Gewissen-Kompanie” erscheinen konnte, hatte sich plötzlich ein Gefühl der Befreiung eingestellt. Ich hatte zu mehr Arbeit „Geht jetzt nicht“ gesagt. Für 5 Minuten habe ich mich als Siegerin gefühlt, danach hatte ich ein schlechtes Gewissen – fast ohne Ende. Aber ich hab’s später wieder gemacht und wieder. Während mein Ego alle Register gezogen hat und mich schon mit Sätzen wie „Du wirst unter der Bahnbrücke leben“ innerlich angebrüllt hat.

 Bis ich plötzlich meinen Traum eines 25-Stunden-Sommers erreicht habe. Busy und Hustle habe ich quasi in den Urlaub geschickt. Und das Ego hat aufgegeben und die Überzeugungen neu definiert: „Das Leben muss gelebt werden!“

Was bedeutet eigentlich Workaholism?

„Arbeitssucht“ ist  eine „stoffungebundene Sucht“, bei der eine zwanghafte Haltung zu Leistung und Arbeit entwickelt wird, mit allen von anderen Abhängigkeitserkrankungen bekannten medizinischen und psychischen Folgen und Folgeerkrankungen. Arbeitssüchtige leben mehr oder weniger ausschließlich für ihre Arbeit. Dabei stehen zumeist Qualität und Quantität, nicht jedoch Bedeutung oder Sinn der zu erledigenden Arbeiten im Vordergrund und es wird eine perfektionistische Grundhaltung umgesetzt. (Wikipedia)

Kennt das wer? Ob ich süchtig bin, kann ich nicht beurteilen. Selbst eine Sucht zu erkennen, ist – und das habe ich bei meiner Magersucht gelernt – nicht möglich, genauso wie man seine eigenen psychischen Erkrankungen nicht oder nur schwer selbst diagnostizieren kann. Um diese Meinung zu erklären: Unsere Köpfe und Verhaltensweisen sind geschlossene Systeme, die dazu angelegt sind zu überleben. Ohne Reflexion von außen können wir einfach viele Dinge nicht erkennen. Wir Menschen brauchen einander, um uns zu reflektieren (und für vieles mehr).

Ich muss sagen, als ich bei Wikipedia nachgelesen habe, habe ich mich dann doch in vielen Dingen wiedergefunden. Unter dem Deckmantel, „dass Leistung und noch mehr Erfolg Voraussetzung für soziale Anerkennung sind“, habe ich mich sehr viel in den letzten Jahren gepusht und meine körperlichen als auch psychischen Grenzen hin und wieder überstrapaziert.
Ob das gut ist? Nein. Ob man das braucht? Nein. Aber das Wissen, dass man das gerne tut, ist einfach nicht genug. Wir wissen ja alle, was wir tun sollten, aber tun wir es deswegen? Meistens nicht. Auch wenn wir uns als Menschen gerne verklärt romantisch darstellen, wir sind es nicht. Wir brauchen Gründe, um Dinge zu verändern und müssen für einen Statuts Quo ergründen, warum wir wo gelandet sind. Erst dann schaffen wir es auch die Veränderung umzusetzen. Ob wir dran bleiben, ist dann eine andere Sache. 

Wie ich zur Arbeitswütenden wurde

Als dieser Moment der Stille kam, bei der es selbst meinem Ego die Argumente verschlagen hat, ist etwas Merkwürdiges passiert. Man kann es eine Erleuchtung nennen oder einen hellen Moment oder es sind mir die Schuppen von den Augen gefallen (sagt man das so? Ach Deutsch!). Und da war der Satz: „Die Arbeitswut ist eine Ablenkung“. Und der Satz hat gesessen. Während sich ein Bild nach dem Anderen in meinem inneren Auge zusammengetan hat, sind mir die Tränen über die Wangen gekullert. Ein gutes Zeichen dafür, dass man gerade Antworten findet und nicht nur in der Oberfläche seines Seins kratzt. Und da war ich: Ich, das Scheidungskind. Ich, die Halbschwester. Ich, die Fremde im eigenen Land. Ich, die Verhasste von der Lehrerin. Ich, die Magersüchtige. Ich, die Depressive, ich, die in Panikattacke. Ich, die traurige. Ich, die verlorene. Ich, die Alleingelassene…. Ich ….die Kämpferin.

Die Tränen wurden zu Strömen, die Einsicht zur Offenbarung – hach, ich liebe ja meine Seele, auch wenn sie manchmal bissi verkorkst ist.

Was ich daraus für mich erkannt habe? 

Meine Liebe zum Internet kommt nicht nur vom Herzen, sondern auch von meiner Seele. Diese hat sich viele Jahre daran getan, diese unsagbare Freude hier etwas zu tun, dafür zu nutzen, dass ich weiterkomme, dass ich funktioniere. Das war viele Jahre gut so und schön. Aber irgendwann  – und ich glaube, es war, als mein Vater 2012 gestorben ist, hat die Ablenkung überhandgenommen. Zugegeben, hatte das sicher auch mit meiner gleichzeitigen Selbständigkeit zu tun (Anmerkung: Ja, im Leben kommen oft nicht die besten Dinge zusammen), aber ich habe wohl versäumt die Bremse zu ziehen oder mal abzubiegen. Wenn ich so zurückblicke, dann einfach, weil der Schmerz zu groß war und mein Leiden in meiner „LEIDENschaft“ aufgegangen ist. Damit ich genau dieses Leiden nicht mehr spüre. 

Und ich glaube, dass genauso oft diese Arbeitswut, dieser Arbeitswahnsinn, in den manche verfallen, passiert. Es ist eine Ersatzhandlung für etwas. Etwas, das wir nicht direkt ansehen wollen. Etwas, dem wir uns nicht stellen wollen oder in dem Moment nicht stellen können. Etwas, dass uns mit Scheuklappen weitermachen lässt und unsere Prioritäten so sehr verschiebt, dass plötzlich das zentrale Element des Lebens, nicht nur zeitlich, sondern auch emotional, die Arbeit ist. 

Das ist zumindest meine Erkenntnis dazu. Und diese ist es, die es mir gerade ermöglicht, achtsamer mit mir zu sein, mehr nachzuspüren was in mir passiert und mir Zeit zu schenken.  Denn das einzige, was wirklich kostbar ist, was wir uns selbst schenken können, ist Zeit und Geduld um uns weiterzuentwickeln, nicht? 

Wie ich die Arbeitswut loszulassen versuche

Ich weiß nicht, ob man erspüren kann, was ich da durchgemacht habe. Aber es war recht hart. Zu „er-kennen“ und „wahr.zu.nehmen“ ist in jedem Fall immer anstrengend und emotional aufwühlend. Und bevor ich einen Einblick gebe, wie ich mein Verhalten gerade Stück für Stück ändere, möchte ich hier etwas loswerden:

Das Aufwühlende, das Schmerzhafte, das Anstrengende soll nie aufhören – denn nur dann arbeiten wir an uns. Mal mehr oder weniger, aber grundsätzlich bin ich der Meinung, dass wir alle gut bedient sind, wenn wir uns mit uns auseinandersetzen und auch unangenehmes mit uns durchmachen – um zu wachsen.

Digital Detox 

Wenn man im digitalen Bereich arbeitet, ist es wichtig, die Kontrolle über die digitalen Medien und Geräte zu behalten oder sie wiederzuerlangen. Wer, wenn nicht wir, können vorzeigen, wie es geht? Nach derzeitigem Stand benutzen die digitalen Medien und Geräte uns, anstatt umgekehrt. Auch, wenn wir immer das Gegenteil glauben wollen. Der Umgang mit Smartphones ändert die Funktionen unserer Gehirne nachhaltig und wir merken das nicht (geschlossene Systeme und so). Deswegen heißt es, abdrehen, weggeben. Ganz ehrlich: früher hat auch gereicht, wenn wir zurückgerufen haben. 😉
Also darf man auch einfach einmal die Woche für 24 Stunden das Smartphone weggeben, nur die Telefonfunktion anlassen und das Internet abschalten. Das mache ich. Außerdem habe ich mir angewöhnt wieder meine Kamera mitzunehmen, wenn ich wo hinfahre, anstatt mit dem Smartphone zu fotografieren. Wenn ich ‘ne Dunkelkammer hätte, würde ich sogar die analoge Kamera lieber nehmen. Um einfach wieder konzentriert das zu tun, was man gerade machen möchte.

25 Hrs Sabbatical 

Bis vor ein paar Monaten habe ich ja über meinen Sommer geredet und es nicht ernst gemeint, wenn ich gesagt habe, dass ich da weniger machen möchte. Seit dieser Arbeitswut-Erkenntnis ist das ganze kein Vielleicht, sondern ein Need geworden. Also habe ich mir 2 Monate eingeteilt, in denen ich radikal weniger arbeite. Noch fühlt sich das an wie Damokles Schwert, aber ich werde mich darauf einlassen und es durchziehen. Was dabei hilft: Dass ich wieder in ein Büro gezogen bin – plötzlich kann ich gar nicht arbeiten, wenn ich zuhause bin 😉

Pausen

Arbeitswut und Pausen vertragen sich meistens nicht so gut. In meinem Fall endet das immer so: Essen vor dem Computer, Essen mit Smartphone in der Hand oder Nicht-Essen. Mehr Varianten gab’s nicht. Wenn Menschen mich gefragt haben, ob wir zum Mittagessen gehen wollen, habe ich sie angesehen, als ob sie verrückt wären.
Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass ich das gerade anders machen würde. Das ist ein Bereich, der mir wahnsinnig schwerfällt. Das ist dieses „ganz oder gar nicht“, das in mir schlummert und an dem ich arbeiten muss. Mein Ziel: Öfter Pausen einbauen, mit meinem Hund Puppi spazieren gehen und vor allem Mittagessen zu zelebrieren – mit Menschen und ohne Arbeit. Eine Challenge.

Langeweile

Was mir besser gelingt, als zwischendurch Pausen zu machen, ist, mich einfach mal nach oder vor der Arbeit elendig zu langweilen. Es fällt mir furchtbar schwer, aber es ist eigentlich wunderbar. Die Wand anzustarren, die Gedanken vorbeiziehen zu lassen und einfach mal nicht zu wissen, was man mit sich anfangen soll. Ich muss ehrlich sagen, das gehört zur Lebensqualität dazu – zumindest zu meiner.

Kreativität

Ich schreibe gerade. Das ist etwas, was ich echt lange nicht mehr in der Form gemacht habe. Ich lasse mich fallen, schreibe im Fluss, schaue was herauskommt. Kürzlich habe ich mich dabei ertappt, wie ich gezeichnet habe, weil ich plötzlich ein Bild im Kopf hatte. Ich sehe was, ich tue es und ich nehme mir Zeit dafür. Ich lasse mich darauf ein, kreativer zu werden und das tut wirklich gut. Ob mir das immer gelingt? Nein, aber ich werde besser.

Das Schönste an diesem ganzen Prozess: Ich habe viele neu Ideen, ich sehe wieder viel besser, wo die Reise hingeht – für mich, für meinen Beruf, für meine Branche – ich bin aufmerksamer. Und während sich das alles verändert, ziehe ich auch noch das, an was ich brauche, die Projekte, die ich interessant finde und die Menschen, die mir guttun.

Danke Happyface für das Foto ❤️

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BohoQuartier Magazine

Inspiration & Ideas for bohemian souls.

5 Kommentare
  1. Liebe Viktoria ,
    Mein Name ist Bettina und ich bin durch Zufall hier gelandet , weil ich Fächer liebe. Deine Offenheit hat mich sehr berührt . Meine Tochter ist vor 3 Monaten an Bulimie gestorben , darum weiß ich wie sehr man kämpfen muss . Du bist sooo stark und reflektiert.
    Ich gratuliere dir von ganzem Herzen.
    Kann man die Fächer nur online bestellen , hätte gern 2 Elena natur und würde gerne direkt kaufen ? Alles Liebe für Dich Bettina

    1. Liebe Bettina, Danke für die lieben Worte. Deine Offenheit hat mich ebenso sehr berührt und wirkt gerade sehr nach. Es tut mir von Herzen weh, das mit deiner Tochter zu lesen. Ich weiß wie zermürbend und schwierig diese Krankheit für einen als Betroffene und für die Familie ist. Es ist für alle ein echter K(r)ampf. Fühl dich umarmt – ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schwer das alles für dich sein muss….
      Ich habe sehr oft in den letzten Jahren überlegt, ob ich dem Thema einen Platz hier widmen soll – gerade habe ich das Gefühl, dass ich das unbedingt tun sollte. Ich frage mich, ob man so anderen helfen kann.

      Wegen den Fächern: Grundsätzlich ja, aber im Juli kann es sein, dass ich wieder bei einem Pop Up oder Markt bin – bist du in Wien?

      Schicke dir ganz viel Kraft!
      Alles Liebe
      Viktoria

  2. Danke liebe Viktoria ! Ich bin der Meinung , dass du unbedingt weiter darüber schreiben solltest den nur so erfährt man von Betroffenen wie man damit umgehen kann und was man als Angehöriger tun kann . Ich war sehr hilflos und gelähmt .
    Du schreibst so toll und verständlich !! Ich bin für’s Direkte und du berührst eben auch gleich das Herz . SCHÖN
    Ich bin im Wienerwald zaus , also ist Wien kein Problem für mich . Mach weiter so .
    Alles Liebe Bettina

  3. Danke liebe Viktoria,
    es ist nicht einfach und es war nie einfach , darum ist es sooooo wichtig darüber zu sprechen und zu schreiben .
    Du schreibst verständlich , ehrlich und deine Worte gingen direkt in mein Herz .
    MACH BITTE WEITER SO !!!
    Deine Familie und Freunde können sehr stolz auf dich sein .
    Ich bin im Wienerwald zuhause ,
    Wien ist kein Problem für mich .
    Alles Liebe
    Bettina

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