Opernball Etiquette

Die ewige Sehnsucht

„Der Opernball ist die ewige Sehnsucht der Menschen nach Märchen.“ Das Zitat stammt von Lotte Tobisch-Labotýn. Die 1926 in Wien geborene Schauspielerin muss es wissen. Schließlich leitete sie von 1981 bis 1996 die Organisation des weltberühmten Wiener Opernballs. Auch wenn es in der Regel die oberen 10.000 sind, die beim Opernball auf der Gästeliste stehen, ist das keine Garantie, dass die Damen und Herren alle die Benimmregeln kennen.

Fettnäpfchen umgehen

Die „Sehnsucht nach Märchen“ wird nicht nur beim Opernball gestillt. Im Herbst und Winter finden im ganzen Land Bälle statt. Jeder für sich hat seinen besonderen Charme und in Nuancen eine abweichende Ball Etiquette. Das mag im ersten Augenblick schlimmer klingen, als es sich in der Praxis dann darstellt. Wie im wirklichen Leben gibt es Verfechter einer konservativen Linie und Menschen, die milder gestimmt sind, wenn es um gar zu strenge Regeln geht. Auf jeden Fall sollte sich dadurch niemand einen anstehenden Ballbesuch vermiesen lassen. Denn am Ende kommt es meistens viel schöner, als man befürchtet hat. Eine gute Kinderstube reicht sicher aus, um die großen und kleinen Fettnäpfchen geschickt zu umgehen. Dennoch hilft es, ein paar Regeln zu kennen, die dem Ball der Bälle entnommen sind. Sie sind kein Gesetz, können aber der Orientierung dienen.

Was ziehe ich an?

Die Frage nach dem korrekten Outfit stellen sich sowohl die weiblichen als auch die männlichen Ballbesucher. Niemand wird auf die Idee kommen, in seiner Freizeitkleidung bei dem festlichen Ereignis zu erscheinen.

Wie extravagant darf die Kleidung sein? Beim Opernball sowie bei anderen Bällen bestimmt der Gastgeber den Dresscode. Auch wer gerne Regeln bricht, sollte sich unbedingt daranhalten. Für die Damen heißt das, weniger Bein zeigen. Nicht aus moralischen Gründen, sondern wegen der Eleganz. Unelegant würde es auch wirken, eine große Handtasche mitzuschleppen. Eine kleine Balltasche muss genügen für die wichtigsten Utensilien. Und ein passender Fächer macht das Ensemble natürlich perfekt – wie z.B.

Photo by Ben Scott on Unsplash

Der Herr ist mit Frack am Opernball anzutreffen – Smoking ist bei vielen anderen Bällen in Wien kein Problem, hier aber schon. Auch wenn er beim Tanzen noch so sehr ins Schwitzen gerät, legt er sein Jackett niemals ab. Zum taillierten Jackett wird eine Frackhose mit doppelten Seidenstreifen getragen und mit einem weißen Frackhemd sowie einer Weste kombiniert. Statt dem schwarzen Mascherl beim Smoking wird ein weißes genommen. Die Schuhe sollten aus schwarzem Lack sein und bitte gut putzen! er kein Ballkleid oder Frack hat, kann sich einen ausborgen. Für eine Nacht kann man sich das ruhigauch mieten.

Darf ich bitten?

Im Zeitalter der Emanzipation darf selbstverständlich auch die Dame den Herrn zum Tanz auffordern. Beim Tanzen wiederum ist es nach wie vor der Mann, von dem Führungsqualitäten verlangt werden. Wenn man sich als Dame nicht gerne führen lässt (das Problem kennen wir natürlich nicht #hust) so sieht es von außen oftmals der Walzer wie ein K(r)ampf aus – lieber die Augen schließen und loslassen. Außerdem sollte möglichst „raumsparend“ getanzt werden, denn meist reicht die Tanzfläche kaum aus für alle Tanzpaare. Daher ist Rücksicht angesagt, um peinliche Kollisionen zu vermeiden. Der erste Tanz gehört natürlich der Begleiterin. Aber auch wenn einem die Dame schon länger bekannt ist, fordert der Herr sie mit einem höflichen „Darf ich bitten …“ auf. Zwischen den Tanzpausen können wenige Sekunden zur Ewigkeit werden. Wer nicht im Smalltalk geübt ist, sollte wenigstens darauf achten, dass die Tanzpartner nicht gar so verloren auf dem Parkett stehen. Ansonsten geht man “flanieren” oder holt sich etwas Mut an der Bar.

Höflichkeit und Respekt

Zu einem höflichen und respektvollen Umgang gehört heutzutage leider auch, dass das Smartphone nicht ständig angestarrt wird oder gar auf den Tisch gelegt wird. Seine Begleiterin abzuholen und nach dem Ball wieder nach Hause zu bringen, ist selbstverständlich. Hilfe beim Einsteigen in das eigene Auto oder ein Taxi ist ebenfalls angebracht – vor allem mit den Ballkleidern ein Muss. Bei der Ankunft ist der Herr ebenfalls behilflich und hält die Tür auf. Gleichberechtigung hin oder her, wenn es darum geht der Dame an der Tür den Vortritt zu lassen, ist alles beim Alten geblieben. Eine Ausnahme gibt es jedoch. Wenn hinter der Tür eine Gefahr lauern könnte, tritt der Herr zuerst ein – Paparazzi und so ????

Das auf und ab

Wenn es eine Treppe aufwärts geht, hat die Dame den Vortritt. Der Herr muss hinter der Dame bereit sein, sie aufzufangen, falls sie ins Straucheln geraten und stürzen sollte. Geht es die Treppe hinab, ist es umgekehrt, damit der Herr im Fall des Falles einen Sturz der Dame abfedern kann. Wenn das Paar im Saal seinen Tisch erreicht hat, rückt der Herr den Stuhl oder Sessel für seine Begleiterin zurecht. Ein besonderer Ausdruck der Höflichkeit ist es, wenn alle Herren aufstehen, sobald eine Dame am Tisch Platz nimmt oder aufsteht.

Küss die Hand

Wangenküsse bei der Begrüßung wirken beim Opernball ziemlich salopp. Der Gentleman küsst die Hand der Dame. Aber auch diese alte Sitte will gelernt sein. Nach wie vor gilt ein Handkuss als eine besondere Geste des Respekts der Dame gegenüber. Diese Geste darf aber nicht jede Dame erwarten. Erstens ist der Handkuss nur in einem geschlossenen Raum angebracht. Zweitens haben nur verheiratete und ältere Damen ein Anrecht darauf. Worauf sich die Frage stellt, ab wann eine Dame als „älter“ eingestuft wird. Eines ist jedenfalls absolut eindeutig: Beim Handkuss ist es strengstens verboten, mit den Lippen die Hand der Dame zu berühren.

Hallo, hier bin ich

Wer begrüßt wen? Ebenfalls eine Frage, die einem bei einem Ball Kopfzerbrechen bereiten kann. Genügt ein Hallo? Gewiss nicht. Zudem ist die Rangfolge zu beachten. Das Grüßen erfolgt also von unten nach oben, der Rangniedrige begrüßt den Ranghöheren. Das kann dann so ablaufen: Angestellter begrüßt seinen Chef per Handschlag. Der Vorgesetzte stellt daraufhin seine Begleiterin vor. Dann darf der Angestellte seine Freundin vorstellen.

Alles wird gut

„Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“

Das Zitat von Oscar Wilde könnte auch auf den Opernball und jeden anderen Ball zutreffen. Niemand ist perfekt. Manchmal zählt schon der gute Wille. Kleine Fehler werden gerne verziehen, wenn sie nicht mit unbelehrbarer Präpotenz dargeboten werden. Respekt gegenüber anderen Menschen und das Wissen, dass jeder seine Macken hat, sind eine gute Voraussetzung für eine rauschende Ballnacht. Gute Laune muss eh jeder selbst mit- und einbringen.

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1 Kommentar
  1. 🙂 Liebe Viki,
    ein sehr wertvoller Ratgeber in diesen Tagen!
    Zumal am Donnerstag der Wiener Opernball stattfindet. Da werden sich viele Menschen wieder fragen: Wie war das noch mal…?
    Ja, und der Handkuss will gelernt sein. Schlimm, wenn einem jemand die Hand wie ein Hund “abschlabbert”.
    Schöne Woche und liebe Grüße
    Claudia 🙂

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